St. Josefs Krankenhaus Gießen

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Angst und Scham im Alltag

 

Im St. Josefs Krankenhaus nimmt Inkontinenz-Behandlung breiten Raum ein - "Soziale Isolation und Vereinsamung"

GIESSEN (cz). Inkontinenz: Es ist ein Tabuthema, obwohl drei von zehn Frauen darunter leiden und nicht erst ab einem Alter jenseits der 60. In der jüngsten Vergangenheit wurden eine Vielzahl von Therapieformen neu entwickelt, die den betroffenen Frauen dauerhafte Hilfe aufzeigen. Im St. Josefs Krankenhaus beschäftigen sich Dr. Peter Gilbert, Chefarzt der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe, und sein ambitioniertes Team nachhaltig damit, die Lebensqualität betroffener Frauen zu verbessern. Inkontinenz führt zu sozialer Isolation und Vereinsamung, führte Privatdozent Klaus Ehlenz, Leiter der Abteilung für Geriatrie, bei einem Symposium des St. Josefs Krankenhauses für Gynäkologen, interessierten Ärzten sowie Pflegebeschäftigten aus. Zwar seien Frauen früher von dem Problem betroffen, jedoch würden sie mit zunehmendem Alter von den Männern prozentual eingeholt, erläuterte Ehlenz.
Aus Angst, nicht mehr rechtzeitig eine Toilette zu finden, gingen viele ältere Menschen nicht mehr aus dem Haus und verlören so ihre sozialen Kontakte. Auch im Bereich der Pflege sei Inkontinenz ein schwerwiegendes Problem für alle Beteiligten. Jedoch riet er zu einer vorsichtigen Verordnung der Medikamente, da diese für den Patienten oft sehr unangenehme Nebenwirkungen hätten.
Um eine richtige Behandlungsmethode zu erreichen, muss zunächst festgestellt werden, um welche Art von Inkontinenz es sich bei den Patienten handelt. Neben einem standardisierten Fragebogen sei eine urodynamische Messung ein wichtiger Schritt, die passende Therapie zu finden. Diese Untersuchungen nimmt Dr. Zuebeyde Pamukci vor. Pamukci unterschied vor allem drei unterschiedliche Arten der Inkontinenz: Belastungs-, Drang- und Mischharninkontinenz. Anhand der urodynamischen Messungen kann bestimmt werden, um welche Art der Inkontinenz es sich handelt und entsprechend die Therapie erfolgen. Mittlerweile werden im St. Josefs Krankenhaus pro Woche etwa drei bis vier solcher Messungen durchgeführt. "Die Methode kennen wir schon sehr lange, jedoch ist die Anwendung durch Computerunterstützung sehr viel präziser und einfacher geworden", erläuterte Gilbert dazu. Dauerhafte Linderung der Beschwerden bis zu deren völligen Beseitigung kann oft nur eine Operation ermöglichen. "Wir wollen die Lebensqualität erhöhen, daher führen wir die Operationen auch bei älteren Patientinnen durch", sagte Gilbert.
Beckenbodensenkung und Inkontinenz sind zwei eng miteinander verbundene Problemfelder. Daher gelte, so der Chefarzt, Beckenbodensenkung vor Inkontinenz zu behandeln beziehungsweise zu operieren, da häufig das eine das andere impliziere. Gerade in diesem Bereich haben neue, minimalinvasive Techniken ihren Einzug erhalten. Wurden früher Plastiken eingesetzt und Scheidenwände gekürzt, so werden heute Bänder oder Netze eingezogen, die dem Genitalbereich den notwendigen Halt zurückgeben. "Heute wird auf die Resektion der Scheidenwand verzichtet", führte Gilbert aus. Dieses Netzmaterial, bestehend aus Polyethylen, ist leicht, sehr elastisch und wird vom Körper gut angenommen und wächst in das Beckenbodengewebe ein. An ganz bestimmten Punkten werden Halteärmchen gesetzt und dadurch das Netz oder das Band eingezogen. Der Operateur muss sehr konzentriert arbeiten, um keine größeren Gefäße zu verletzen. Der Chirurg muss dafür die weibliche Anatomie sehr genau im Kopf haben. Mittlerweile führt Gilbert drei- bis viermal pro Woche diese Operation mit sehr guten Ergebnissen durch.
Gießener Anzeiger vom 29. Mai 2009

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